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Grafik Industrieanlage

Handarbeitsschule der Gutehoffnungshütte

1912

Cyanotypie (Blaudruck) der Nähschule und ihrer Schülerinnen

Cyanotypie, Handarbeitsschule der Gutehoffnungshütte am Knappenmarkt in Oberhausen, 1912, 21 x 30 cm, Inv.-Nr.: ah f/6477 © LVR-Industriemuseum

Ende des 19. Jahrhunderts errichteten schwerindustrielle Unternehmen wie die Oberhausener Gutehoffnungshütte oder Krupp in Essen Näh- und Haushaltungsschulen für Mädchen und Frauen mit dem Ziel, diese zu befähigen, einen eigenen Hausstand – natürlich als verheiratete Ehefrau – führen oder für den eigenen Lebensunterhalt sorgen zu können.


Näh- und Haushaltungsschulen waren Teil der betrieblichen Sozialpolitik der rheinisch-westfälischen Schwerindustrie, die von vielen Zeitgenossen als vorbildlich bewertet wurde. Werkswohnungen, Kranken- und Pensionskassen, Konsumanstalten, Kindergärten und die Näh- und Haushaltungsschulen waren wesentliche Elemente der Fürsorge für die eigene Arbeiterschaft.


Diese Fürsorge war nicht allein durch soziales Verantwortungsgefühl oder christliche Nächstenliebe motiviert, sondern verfolgte weitreichendere Ziele: Sie diente der Disziplinierung der Arbeiterschaft, indem sie materielle Sicherheit im Tausch gegen Anpassung und Unterordnung versprach. Darüber hinaus sollten Arbeitskräfte als Stammarbeiter langfristig an das Unternehmen gebunden werden. Und nicht zuletzt wurden umfassende soziale Sachleistungen und Einrichtungen seitens der Unternehmen auch genutzt, um niedrige oder stagnierende Löhne zu rechtfertigen. Dabei spielten die Arbeiterfrauen und -töchter eine nicht unerhebliche Rolle: Eine Frau, die gelernt hatte, Obst und Gemüse zu konservieren, preiswerte Mahlzeiten mit hohem Nährwert zuzubereiten, Möbel zu pflegen und Kleidung zu flicken oder den Garten zu bestellen, konnte die Lebenshaltungskosten einer Arbeiterfamilie erheblich verringern. Der Beitrag der Frauen zum Familieneinkommen durch diese unbezahlte Arbeit, die „zweite Ökonomie“, darf nicht unterschätzt werden.


Die Näh- und Haushaltungsschulen boten den Frauen im Ruhrgebiet zudem eine berufliche Chance: Frauenarbeitsplätze im Ruhrgebiet waren bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts rar. Wer Glück hatte, ging als Dienstmädchen „in Stellung“. Eine Ausbildung in Wäschepflege, Kochen oder allgemeiner Haushaltsführung verbesserte die Chancen auf diesem kleinen Arbeitsmarkt ungemein.


Christine Ferreau


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