Rheinisches Landesmuseum für Industrie- und Sozialgeschichte

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Auf den ersten Blick scheint es, als ob die Zeit stehen geblieben wäre: Die massigen Grauwacke-Gebäude der ehemaligen Baumwollspinnerei Ermen & Engels säumen noch immer den früheren Fabrikhof. Auch der Schornstein des Dampfmaschinenhauses existiert noch. Und über die Eisenbahnschienen, die vom nahe gelegenen Bahnhof auf den Platz führen, könnte bald ein Güterzug mit einer Lieferung Baumwolle beim Alten Baumwoll-Lager vorfahren. Doch hier ist schon lange kein Faden mehr gesponnen worden. Heute steht das gesamte Gelände der alten Fabrik unter Denkmalschutz und in das frühere Zwirnereigebäude ist der Schauplatz Engelskirchen des LVR-Industriemuseums mit seiner Dauerausstellung „Unter Spannung – Dem Strom auf der Spur" eingezogen. Sie erzählt vom Aufstieg und Niedergang der Baumwollspinnerei in Engelskirchen, beleuchtet die Geschichte der Elektrifizierung in der Region und zeigt, wie der Strom das Leben der Menschen auch außerhalb des Oberbergischen Landes verändert hat.
Treibende Kräfte
Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher im „Arbeitszimmer" von Friedrich Engels sen., dem Vater des berühmten Sozialisten. Als Unternehmer suchte er einen passenden Ort für die Gründung einer Baumwollspinnerei und fand ihn 1837 in Engelskirchen. Die große Projektion einer historischen Darstellung der Fabrik Ermen & Engels hinter dem „Schreibtisch" des Fabrikgründers veranschaulicht, wie erfolgreich sich das Unternehmen entwickelte. Von hier aus fällt der Blick auch auf das Modell eines Wasserrads, das auf das Flüsschen Agger als „treibende Kraft" der Fabrik hinweist. Die Schattenrisse erinnern an die Männer, Frauen und Kinder, die die schwere Arbeit in der Baumwollspinnerei verrichteten.
Mittelpunkt der Dauerausstellung ist jedoch das weitgehend erhaltene Wasserkraftwerk der Fabrik. Geheimnisvolles blaues Licht und Geräusche von fließendem Wasser vermitteln beim Abstieg in den Turbinenkeller den Eindruck, als ob die Gänge mit den mächtigen Wänden heute noch von Wasser durchflossen wären. Sobald sich die Augen an das Dunkel gewöhnt haben, werden die riesigen Turbinen sichtbar, die über ein kompliziertes Transmissionssystem aus vielen Rädern und Rädchen die Maschinen in der Fabrik antrieben. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Turbinen mit Generatoren gekoppelt, die den Strom für die nun elektrisch betriebenen Maschinen erzeugten.
Der zündende Funke
Im Stockwerk über dem Turbinenkeller zeigt die große Schalttafel, wie der Strom in der Fabrik verteilt wurde. Schon 1903 profitierten auch das Wohnhaus des Fabrikanten und der Ort Engelskirchen von der lokalen Stromerzeugung. Dank des Kraftwerks in der Fabrik leuchteten hier eher als in mancher Großstadt die elektrischen Straßenlaternen. Im angrenzenden „Lichtraum" lässt sich die erste öffentliche Anwendung des elektrischen Stroms mit einer besonderen Multivision anschaulich nacherleben.
Die eindrucksvolle Dampfmaschine am Eingang zur Museumsetage erinnert daran, dass nicht immer ausreichend Wasserkraft zur Verfügung stand, um die Maschinen anzutreiben. Schon früh wurde daher die Dampfkraft als ergänzende Energie genutzt. Wie die Elektrizität seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Arbeit in Fabrik, Büro und Haushalt veränderte, zeigen die folgenden Ausstellungseinheiten. Die ohrenbetäubend laute Ringspinnmaschine steht dabei beispielhaft für die Anwendung der Elektrizität im industriellen Maßstab, ebenso wie die elektrischen Bürogeräte einschließlich des ersten Computers von Ermen & Engels und die zahlreichen elektrischen „Heinzelmännchen", die der Hausfrau die Haus- und Küchenarbeit erleichtern sollten. Gleichzeitig veranschaulicht die „Stromverbrauchswand" den Wandel der Energiequellen und den rasanten Anstieg des Stromverbrauchs in der Nachkriegszeit.
Mit einer Informationseinheit zur Stilllegung der Fabrik und einer „Forscherstation" mit Fahrradgenerator, Atmosphärenkugel und kleinen elektrischen Experimenten geht der Rundgang im Obergeschoss des Museums zu Ende. Im Untergeschoss erwartet schließlich noch die ehemaligen Wollspinnerei Gast die Besucherinnen und Besucher. Sie ist ein Beispiel für die kleingewerbliche Ausprägung der Textilindustrie im Oberbergischen Raum und ihre Maschinen werden regelmäßig vorgeführt. Die große Kardiermaschine verwandelt dabei die rohe Schafwolle in ein breites Vlies, aus dem die Wollfäden gesponnen und gezwirnt wurden. Neben dem ehemaligen Zwirnereigebäude wird auch das Alte Baumwoll-Lager als Ausstellungsfläche genutzt. Hier werden regelmäßig Sonderausstellungen zu wechselnden Themenschwerpunkten gezeigt.
Gestern und heute
Von ihrer Gründung im Jahre 1837 bis zu ihrem Ende 1979 dominierte die Baumwollspinnerei Ermen & Engels Arbeit und Leben in der Region um Engelskirchen. Nach ihrer Stilllegung sollte die alte Fabrik abgerissen werden und modernen Gebäuden Platz machen. Doch dank eines preisgekrönten Umnutzungskonzepts konnte die industriegeschichtlich bedeutende Anlage erhalten werden. Neben dem LVR-Industriemuseum, das von 1987 bis 1993 mit einem betrieblichen Vorlauf startete und 1996 endgültig eröffnet wurde, säumen heute das Rathaus der Gemeinde Engelskirchen, Feuerwehr, Caritas, Gaststätten, Geschäfte und Wohnungen das Areal am Engels-Platz.
Der Oelchenshammer
Zum Schauplatz Engelskirchen gehört darüber hinaus der Oelchenshammer im Ortsteil Bickenbach. Er ist der letzte funktionsfähige wasserbetriebene Schmiedehammer im Oberbergischen Land. Die über 200 Jahre alte Anlage vermittelt ein lebendiges Bild, wie einst mit Feuer und Wasser Stahl produziert wurde. In der Schmiedesaison von April bis Oktober haben Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, das alte Handwerk kennen zu lernen und dem Museumsschmied über die Schulter zu schauen. Außerdem bekommt hier das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied" eine neue Bedeutung. Denn das Standesamt der Gemeinde Engelskirchen bietet am Oelchenshammer die Möglichkeit, Trauungen durchzuführen.
Unterhaltsame und erlebnisreiche Programmvielfalt
Ein umfangreiches museumspädagogisches Programm mit attraktiven Aktivitäten für Freizeit und Bildung ergänzt die Angebote im Museum und am Oelchenshammer. Gruppenführungen können für alle Altersstufen und zu unterschiedlichen Themenbereichen gebucht werden. Regelmäßig finden an Sonntagen öffentliche Führungen statt. Museumsrallyes, Gruppenarbeiten, Mitmachaktionen für Kinder sowie ein breites Rahmenprogramm von der Betriebsbesichtigung bis zur geführten Wanderung vertiefen auf unterhaltsame Weise die Themen des Museums.
Auch das Feiern kommt in Engelskirchen nicht zu kurz. Kinder können sich aus den museumspädagogischen Angeboten ein individuelles Programm für ihren Geburtstag zusammenstellen. Und jedes Jahr vor den Sommerferien wird gemeinsam mit den Nachbarn am Engels-Platz, der Feuerwehr und Gruppen aus der Gemeinde, das „Fest der Elemente" gefeiert. Besondere Aktionen wie das regelmäßig Ende September/Anfang Oktober stattfindende Transport- und Oldtimerfest und „Aufschlag" und „Abschlag" am Oelchenshammer, die den Beginn und das Ende der Schmiedesaison markieren, sind weitere Highlights im vielfältigen Veranstaltungsprogramm. Darüber hinaus nutzen Vereine, Firmen, Institutionen und Privatpersonen das Museum und den Oelchenshammer als Rahmen für Veranstaltungen und Feiern.
Sechs Schauplätze, ein Museum
Der Schauplatz Engelskirchen ist einer von insgesamt sechs Schauplätzen des LVR-Industriemuseums, die im Verbund ein einzigartiges Museums bilden. In zum Teil denkmalgeschützten Fabriken wird am authentischen Ort spannend und anschaulich die Geschichte der Industrie im Rheinland und der dort beschäftigten Menschen erzählt. Dabei stehen die zentralen Branchen Metall, Textil, Papier und Elektrizität im Mittelpunkt. Neben dem Schauplatz Engelskirchen in der ehemaligen Baumwollspinnerei Ermen & Engels warten auch die anderen Schauplätze darauf, entdeckt zu werden: die Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach, die Tuchfabrik Müller in Euskirchen, die Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen, die Textilfabrik Cromford in Ratingen und die Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen. Hier befindet sich außerdem die Museumszentrale mit Direktion, Verwaltung, Depots, Bibliothek, Fotoarchiv und Werkstätten. Gründer und Träger des LVR-Industriemuseums ist der Landschaftsverband Rheinland (LVR).
Bildmaterial erhalten Sie von unserer Abteilung Kommunikation und Marketing.
LVR-Industriemuseum
Baumwollspinnerei Ermen & Engels
Engels-Platz 2
51766 Engelskirchen
Schauplatzleitung:
Kornelia Panek
Öffnungszeiten: Di – Fr 10–17 Uhr, Sa – So 11–18 Uhr
Eintritt: Erwachsene 3 €, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei
Gruppenführungen 40 €
Pressekontakt:
Anette Gantenberg
Tel.: 0208-8579-124
E-Mail: anette.gantenberg@lvr.de
Förderverein:
Freunde und Förderer des Rheinischen Industriemuseums Engelskirchen e.V. (Anschrift wie Museum)