Rheinisches Landesmuseum für Industrie- und Sozialgeschichte

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Das Land Nordrhein‑Westfalen ist wie kaum eine andere Region in Europa durch die Industrialisierung in mehr als 150 Jahren geprägt worden. Zahllose industrielle Anlagen veränderten die Landschaft im Ballungsraum an Rhein und Ruhr. Vor vier Jahrzehnten begann der tiefgreifende Wandel der Industrie im rheinisch‑westfälischen Gebiet, hervorgerufen durch die schweren Krisen in den einst boomenden Industriezweigen wie Textil, Bergbau, Eisen und Stahl. Dieser Veränderungsprozess der industriellen Arbeitswelt setzt sich bis heute fort: infolge der Globalisierung sowie der Einführung neuer Technologien allerdings dramatisch beschleunigt.
In den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts fand durch den Verlust zahlloser Arbeitsplätze und das Verschwinden vieler baulicher Zeugnisse der Industrie eine Rückbesinnung auf die industrielle Entwicklung, die prägenden historischen Wirtschaftskräfte der Industrieregion Nordrhein‑Westfalen statt.
Vor diesem Hintergrund haben sich die beiden Landschaftsverbände, der Landschaftsverband Rheinland und der Landschaftsverband Westfalen‑Lippe, das Ziel gesetzt, stillgelegte, industriehistorisch bedeutsame Produktionsstätten zu erhalten. Den Anschub zur Errichtung des LVR-Industriemuseums übernahmen in den siebziger Jahren das Rheinische Amt für Denkmalpflege sowie das Rheinische Museumsamt, die die "Geschichtswürdigkeit" von Industriekultur und die Notwendigkeit ihrer musealen Präsentation früh erkannt hatten. Vergleichbar verlief auch die Entwicklung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
Am 10. Mai 1984 gründete der Landschaftsverband Rheinland das LVR-Industriemuseum mit insgesamt sechs Museumsschauplätzen im Rheinland. Er erklärt die Dokumentation der Industrie- und Sozialgeschichte des Rheinlandes an ausgewählten regionalen Beispielen zur Aufgabe des einzigartigen Museumsprojektes: "Der historische Veränderungsprozess der Industrielandschaft und seiner Bewohner, ihrer Erlebens- und Bewusstseinswelt innerhalb des sozialen Umfeldes lässt sich in umfassender Weise nur in einem industrie- und sozialgeschichtlich orientierten Museum dokumentieren, das auf die historische Entwicklung der jeweiligen regionalen Landschaften Bezug nimmt."
Unterstützung erhielt das Museum neuen Typs durch die Landesregierung. Da sich beim Aufbau der Industriemuseen städtebauliche, denkmalpflegerische und museale Anliegen vereinigten, wurden diese sowohl aus Mitteln der Denkmalpflege, als auch die gesamten baulichen Herrichtungskosten aus dem Städtebau finanziell getragen.
Zusammen mit den acht Standorten des LWL-Industriemuseums bildet das LVR-Industriemuseum mit seinen eindrucksvollen Dauerausstellungen die wichtigsten Industriebranchen und die verschiedenen Stufen der industriellen Entwicklung in Nordrhein-Westfalen ab.
"Sechs Schauplätze, ein Museum", dieser Slogan beschreibt treffend die außergewöhnliche Struktur, das neue Konzept dieses in Europa einmaligen Museums. Sechs denkmalgeschützte, zum Teil komplett erhaltene Fabriken an authentischen Schauplätzen in Oberhausen, Ratingen, Solingen, Bergisch Gladbach, Engelskirchen und Euskirchen bilden das LVR-Industriemuseum. Die Fabrik, zentrales Exponat im Museumskonzept, wird als eine wichtige technische, räumliche und soziale Institution begriffen, die auch ihr ganzes weiteres Umfeld bestimmt hat. Der enge Zusammenhang von Industriedenkmal und vergangener Arbeitswelt am ursprünglichen Ort verdeutlicht das Neue dieses Industriemuseums, grenzt es ab von anderen Museen für Technik und Arbeit. Das LVR-Industriemuseum trägt den Untertitel "Museum für Industrie- und Sozialgeschichte": Damit stellt es technik-, gesellschafts- und sozialgeschichtliche Aspekte der Lebens- und Arbeitswelt im Industriezeitalter des Rheinlandes in das Zentrum der musealen Präsentation. Dieser inhaltliche Schwerpunkt unterscheidet das Industriemuseum auch von technikhistorischen Museen.
Textil, Metall, Papier und Elektrizität gelten als charakteristische Industriezweige der rheinischen Industrielandschaft und sie bilden den inhaltlichen Kern der sechs Museen. Die Textilindustrie, die frühe Industrie des Rheinlandes, ist mit drei historischen Fabriken vertreten - der Textilfabrik Cromford in Ratingen, der Baumwollspinnerei Ermen & Engels in Engelskirchen und der Tuchfabrik Müller in Euskirchen. Der Bereich Metall steht im Mittelpunkt der Zinkfabrik Altenberg in Oberhausen und der Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen. Mit der St. Antony-Hütte in Oberhausen-Osterfeld, bewahrt das LVR-Industriemuseum ein herausragendes bauliches Zeugnis der ältesten Eisenhütte des Ruhrgebiets. Ebenfalls in Oberhausen-Osterfeld beschreibt das Museum Eisenheim das Wohnen der Industriearbeiter im schwerindustriellen Ballungsraum. Papierherstellung thematisiert die Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach, einem Zentrum der rheinischen Papierproduktion. Energie am Beispiel der Elektrizität zeigt die Baumwollspinnerei Ermen & Engels in Engelskirchen.
Schauproduktionen an original erhaltenen oder originalgetreu rekonstruierten Maschinen sind integraler Bestandteil der Dauerausstellungen, die um historische Filme sowie audiovisuelle Medien ergänzt werden. In Oberhausen und Solingen konnten ehemalige Fabrikmitarbeiter in den Museumsdienst übernommen werden.
1984 beschloss der Landschaftsverband Rheinland die Ansiedlung der Museumszentrale an der Oberhausener Zinkfabrik Altenberg. Der vollständig erhaltene Gebäudekomplex im einst schwerindustriellen Herz des Rhein-Ruhrgebietes konnte den infrastrukturellen Anforderungen an dieses umfangreiche dezentrale Museumsprojekt optimal gerecht werden. Die Museumsleitung, die Verwaltung und Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, Dokumentation, Bibliothek sowie technische Werkstätten sind hier untergebracht. Das zentrale Sammlungsdepot für alle sechs Museen hat im Oberhausener Peter-Behrens-Bau, ehemaliges Lagerhaus der Oberhausener Gutehoffnungshütte, Platz gefunden. Die Museen werden vor Ort vom jeweiligen Schauplatzleiter und einem Vertreter betreut.
Insgesamt 77 Millionen Euro sind in 15 Jahren für den Aufbau des LVR-Industriemuseums investiert worden. Davon hat das Land Nordrhein-Westfalen die Sanierung und bauliche Herrichtung der sechs Industriedenkmäler mit rund 55,5 Millionen Euro gefördert. Der Landschaftsverband Rheinland hat sich mit 5 Millionen Euro an den Baukosten beteiligt. Die museale Ersteinrichtung hat der Landschaftsverband Rheinland mit 16,5 Millionen Euro zu 100 Prozent getragen. Die kalkulierten jährlichen Betriebskosten in Höhe von 7,7 Millionen Euro übernimmt der LVR ebenfalls zu 100 Prozent.
Den Auftakt im Eröffnungsreigen der Schauplätze machte die Baumwollspinnerei Ermen & Engels in Engelskirchen im Mai 1996. Friedrich Engels sen., Vater des berühmten Sozialisten, gründete 1837 in Engelskirchen die Textilfabrik Ermen & Engels. Rationalisierung der Produktion in einer großen Fabrik und billige Arbeitskräfte waren wichtige Faktoren, die den Unternehmer von Wuppertal-Barmen nach Engelskirchen übersiedeln ließen. Mit über 600 Arbeitskräften im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zählte die Fabrik zu den bedeutendsten Schrittmachern der Industrialisierung im Aggertal. Gleichzeitig entwickelte sich das fabrikeigene Kraftwerk zu einer wichtigen Energiezentrale für die Region.
Fast 150 Jahre später führten die zunehmende Automatisierung und niedrige Löhne in Ländern der sog. Dritten Welt zur Fabrikschließung. Dank Aufnahme ins Denkmalverzeichnis und eines 1986 preisgekrönten Umnutzungskonzeptes konnte die Industrieanlage samt Unternehmervilla am Ufer der Agger vor dem Abriss gerettet werden. Das Industriemuseum ist Teil einer urbanen Anlage, die in den 1980er Jahren in den Fabrikmauern entstand: Rathaus, Wohnungen und Geschäfte ergänzen das Umfeld des Museums. Die Dauerausstellung "Unter Spannung" sowie eine Sonderausstellungsfläche sind im Zwirnereigebäude und Baumwolllager eingerichtet. Wo noch 1979 unaufhörlich Wassermassen zu den Turbinen strömten, verfolgt der Besucher heute trockenen Fußes die Stromerzeugung. Welche Veränderungen die Elektrifizierung für die Fabrik und den Alltag der Menschen mit sich brachte, beschreibt die Dauerausstellung.
Vom Fabrikgelände führt ein Museumsweg durch den Ort Engelskirchen zum Oelchenshammer, dem letzten noch funktionsfähigen wasserbetriebenen Schmiedehammer im Oberbergischen Land.
Schauplatzleitung: Kornelia Panek
Nur wenige Monate später, im September 1996, wurde die Baumwollspinnerei Brügelmann eröffnet. Die erste Fabrik auf dem europäischen Kontinent steht für die Epoche der frühen Industrialisierung im Rheinland. 1783/1784 errichtete der Wuppertaler Kaufmann und Verleger Johann Gottfried Brügelmann in der Nähe von Ratingen eine mit Wasserkraft betriebene und vollmechanische "Baumwollspinnerei auf englische Art" - Ergebnis von Industriespionage. Die nach ihrem englischen Vorbild "Cromford" benannte Fabrik expandierte zu einem gut florierenden Unternehmen mit weiteren Produktionsgebäuden, Werkstätten, Arbeiterwohnungen, einem Herrenhaus für die Kaufmannsfamilie, Weberei und größeren Fabrikhallen. Ende der 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde auch das Brügelmannsche Unternehmen von der großen Konjunkturkrise der Textilindustrie erfasst und 1977 stillgelegt.
Im Zuge von Abriss und Umnutzung blieb das Kernensemble der Baumwollspinnerei - die "Hohe Fabrik", Kontor und Herrenhaus aus dem späten 18. Jahrhundert - bestehen. Die Dauerausstellung in der Fabrik zeigt an laufenden Spinnmaschinen, die detailgetreu nach historischen Vorbildern aus den 1780er Jahren nachgebaut wurden, wie aus Baumwolle ein fertiges Garn entsteht. Die Anfänge des Fabriksystems, Arbeits- und Lebensbedingungen von Männern, Frauen und Kindern in den Spinnsälen, die Fabrikschule und die Welt der Mode sind weitere inhaltliche Bestandteile im Museumskonzept.
Das prachtvolle Herrenhaus Cromford neben der Fabrik war die Schaltzentrale des einst bedeutenden Unternehmens und gleichzeitig bürgerliches Wohnhaus der Brügelmanns als eine der führenden Fabrikantenfamilien ihrer Zeit. Von April 2009 bis Mai 2010 haben Maurer, Zimmerleute, Maler, Installateure, Elektriker, Spezialisten für Brand- und Sicherheitstechnik und viele andere Gewerke das Herrenhaus saniert. In 14 Räumen mit mehr als 320 Quadratmetern und über 250 Exponaten werden die Familienmitglieder nun wieder lebendig. Die Dauerausstellung über die Lebenswelten der Familie Brügelmann erzählt hier vom wirtschaftlichen Handeln in bewegten Zeiten zwischen Französischer Revolution, Napoleon und neuer Bürgerlichkeit, aber auch von ganz privaten Dingen - den Lieblingsspeisen, der Jagd, Heiratsabsichten, den Dienstboten oder den Vorbereitungen für ein Fest. Ein besonderes Ausstellungskonzept ermöglicht es, spannende Episoden aus dem Leben der einzelnen Familienmitglieder zu hören: Jedem Raum wird eine wichtige Persönlichkeit zugewiesen, deren Geschichte via Audioguide in Form einer kurzen Hörspielsequenz erzählt wird. Durch einen Lift ist das Haus nun auch behindertenfreundlich. Außerdem gibt es neue Räume für die Museumspädagogik, für Seminare und kleine private Feiern.
Die ehemaligen Arbeiterwohnungen, die als Teil des sozialen Bezugsfeldes der Fabrik ebenfalls gerettet werden konnten, werden heute als moderne Wohnungen in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums genutzt.
Schauplatzleitung: Claudia Gottfried
Dauerausstellung "Schwerindustrie" in der Zinkfabrik Altenberg
Die Zinkfabrik Altenberg ist einer der ältesten metallverarbeitenden Betriebe in Oberhausen gewesen. 1854/55 veranlassten günstige Standortbedingungen die belgische "Société anonyme de Zinc de la Vieille Montagne" zur Ansiedlung des Zweigunternehmens: In nächster Nachbarschaft fanden sich die Bahnstation der Köln-Mindener Eisenbahn sowie Kohlezechen und Hüttenwerke. 1981 kam es nach fast 130 Produktionsjahren zur Stilllegung der Oberhausener Fabrik. 1984 folgte die Übernahme von Teilbereichen des Fabrikkomplexes durch den Landschaftsverband Rheinland. Die gründliche Sanierung schadstoffbelasteter Böden und Gebäuden begann.
Seit August 1997 beschreibt die Walzhalle der Zinkfabrik Altenberg auf mehr als 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche die Geschichte der Eisen- und Stahlindustrie an Rhein und Ruhr. Im Foyer der Walzhalle greift die Dauerausstellung die Geschichte der Zinkfabrik auf, in der Zink zu Zinkblechen weiterverarbeitet wurde. Ein Schmelzofen, ein Gießkarussell, eine elektrisch betriebene Walze und eine Schere sind authentische Zeugen für die Produktion der Zinkfabrik Altenberg. Über 1500 Exponate, teilweise schwergewichtige Objekte wie ein zehn Meter hoher Dampfhammer, eine Kruppsche Dampflok der Baureihe 50, Kokillen, Walzen und Dampfmaschinen vermitteln ein eindruckvolles Bild von den Anfängen der Schwerindustrie über ihre Blüte bis hin zum Niedergang schwerindustrieller Konzerne und dem Strukturwandel der Gegenwart. Die museale Bearbeitung der Schwerindustrie steht im Kontext von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Technik. Außergewöhnliche Objektinszenierungen, historische Filmdokumente und attraktive Multimedia- und Mitmachstationen begleiten den Rundgang durch die Dauerausstellung. Vorführungen wie eine kraftvollen Zerreißprobe von Stahl erwecken die Maschinen zum Leben.
Schauplatzleitung (kommissarisch): Dr. Burkhard Zeppenfeld
St. Antony-Hütte
In Oberhausen fing alles an. Die St. Antony-Hütte im Stadtteil Osterfeld nahm 1758 als erste Eisenhütte im Ruhrgebiet die Roheisenproduktion auf. Gleichzeitig wurden in der dazugehörigen Gießerei und Formerei spezielle Gusswaren hergestellt. Das war der take-off für die Schwerindustrie in der Region. Gemeinsam mit zwei weiteren Eisenhütten in der näheren Umgebung, der Hütte "Gute Hoffnung" in Sterkrade und dem "Schmeltz- und Hammerwerk Neu-Essen" an der Emscher bildet die St. Antony-Hütte zudem die Keimzelle eines späteren Weltkonzerns: der "Gutehoffnungshütte" (GHH), die die Industrie- und Stadtgeschichte Oberhausens bis in die 1990er Jahre hinein geprägt hat.
Die Eisenhütte wurde mit Stilllegung 1877 nach und nach abgerissen. Nur ein kleines Fachwerkhaus, das ehemalige Wohn- und Kontorhaus des Hüttendirektors, überlebte und dient seit 1975 als ehemaliges Werksarchiv, das das LVR-Industriemuseum 1995 übernehmen konnte. Nach umfangreichen Umbaumaßnahmen wurde das Innere des Gebäudes komplett saniert und im Mai 2008 mit einer Dauerausstellung über die spektakuläre Entstehungsgeschichte der ersten Eisenhütte des Ruhrgebiets dem Besucher zugänglich gemacht. Erzählt wird vom spannenden Beginn der Eisen- und Stahlindustrie, von bedeutenden Innovationen und vom harten Alltag der Menschen, die dort arbeiteten.
Von 2006 bis 2010 haben die Archäologen des LVR-Amtes für Bodendenkmalpflege im Rheinland gemeinsam mit den Mitarbeitern des LVR-Industriemuseums die Überreste der Produktionsanlagen der St. Antony-Hütte ausgegraben. Hier gossen die Arbeiter im 18. und 19. Jahrhundert das glühende Eisen in die Formen und fertigten Produkte wie Pfannen und Töpfe, Munition oder Maschinenteile. Die Archäologen konnten Fundamente und Mauerreste zu Tage befördern, die wichtige Aufschlüsse über die verschiedenen Bauphasen des Hüttenwerks geben. Seit Spätsommer 2010 wird die hier einst pulsierende Eisenhütte im LVR-Industriearchäologischen Park wieder zum Leben erweckt. Unter einem futuristischen Dach, das den Park - im Übrigen der erste seiner Art in Deutschland - wie eine Muschel überspannt, wird der Besucher über einen Steg durch die Ursprünge der Eisen- und Stahlindustrie geführt. Mit modernen 3-D-Animationen und Schautafeln wird das zunächst verwirrend erscheinende Gemenge von Mauerresten und Fundamenten aufgeschlüsselt. Ein Hochofen, ein Kupolofen und eine Gießerei werden entsprechend ihrer tatsächlichen Entwicklung virtuell hochgezogen, umgebaut und abgerissen.
Museum Eisenheim
Arbeitersiedlungen entstanden im 19. und 20. Jahrhundert in allen europäischen Industrieregionen. Kaum eine Industrielandschaft wurde jedoch in ihrem äußeren Erscheinungsbild durch diese Siedlungen so geprägt wie das Ruhrgebiet. Die Hüttengewerkschaft Jacobi, Haniel und Huyssen (JHH) erbaute 1846 für ihre "Meister und Arbeiter rechter Art" die Siedlung Eisenheim. In den 1970er Jahren drohte Eisenheim der Abriss. Hartnäckiger Protest und engagierter Einsatz einer Bürgerinitiative bewirkten, dass die Siedlung saniert und unter Denkmalschutz gestellt wurde. Die Eisenheimer richteten mit gesammelten Möbeln, Alltagsgegenständen und Bildern ihr "Volksmuseum" im ehemaligen Waschhaus ein. 1989 übernahm das LVR-Industriemuseum das sozialhistorische Denkmal einschließlich der Sammlung. Seit 1996 präsentiert die Neubearbeitung einer vom LVR-Industriemuseum entwickelten Dauerausstellung Gründung und Entwicklung der Siedlung, Leben und Arbeit der Bewohner. Eine weitere Attraktion für die Besucher steht seit Mai 1999 mit einer Museumswohnung in einem der 39 historischen Arbeiterwohnhäuser der ältesten Siedlung des Ruhrgebiets zur Verfügung.
Museumsbahnsteig
Auf dem stillgelegten Bahnsteig an Gleis 4 und 5 des Oberhausener Hauptbahnhofs präsentiert das LVR-Industriemuseum seit Dezember 1999 eine Ausstellung über die Geschichte des Bahnhofs und die Bedeutung der Eisenbahn im Verhältnis zu Industrie und Stadt. Blickfang des Bahnsteigs sind ein Schlackenpfannenwagen und ein Torpedopfannenwagen - zwei Waggons, die jahrelang im Dienst der Schwerindustrie unterwegs waren. Seit August 2006 begrüßen drei Meter hohe Holzskulpturen auf riesigen Gießpfannen die einfahrenden Züge. Bei Einbruch der Dunkelheit werden die imposanten Objekte mit faszinierenden Farbtönen und -sequenzen in einer dreistündigen Lichtpartitur zum Strahlen gebracht.
Peter-Behrens-Bau - Zentrales Sammlungsdepot
Seit August 1998 erstrahlt das ehemalige Lagerhaus der Oberhausener Gutehoffnungshütte (GHH) in neuem Glanz. Heute dient das industriehistorisch bedeutsame Baudenkmal dem LVR-Industriemuseum als zentrales Sammlungsdepot. Der berühmte Architekt und Industriedesigner Peter Behrens entwarf das Lagerhaus 1920 im Auftrag der Gutehoffnungshütte. Seit 1925 war die gesamte betriebsinterne Vorratshaltung des GHH-Konzerns hier konzentriert. Nach endgültiger Aufgabe des Stahlstandortes Oberhausen stand das Gebäude 1992 für eine neue Nutzung zur Verfügung. Ein Glücksfall, denn der Landschaftsverband Rheinland konnte mit Unterstützung des Landes Nordrhein‑Westfalen diese Inkunabel der Industriearchitektur für das LVR-Industriemuseum erwerben. Anschließend erfolgte die behutsame Sanierung des Denkmals.
Die Sammlungsbestände finden verteilt über sieben Geschosse auf einer Gesamtfläche von zirka 6000 Quadratmeter des umgebauten Lagergebäudes Platz. Weit über 100.000 Sammlungsstücke, die schwerpunktmäßig de Industriezweige Textil, Metall, Papier und Elektrizität abdecken, birgt der Peter-Behrens-Bau derzeit. Das Erdgeschoss steht seit Herbst 2005 als neuer Ort für Präsentationen der Sammlung zur Verfügung.
Das LVR-Industriemuseum Solingen wurde in der Gesenkschmiede Hendrichs im März 1999 eröffnet. Als "Werkstatt für die Welt" bezeichnet die jahrhundertlange Produktion Solinger Schneidwaren für den europäischen Markt, die sich im 19. Jahrhundert mit dem Aufbau des Überseehandels weltweit ausdehnte. Dies ist der wirtschaftliche Hintergrund, vor dem sich die Gründung der Gesenkschmiede Hendrichs 1886 durch die beiden Scherenfeiler Peter und Friedrich Wilhelm Hendrichs vollzog. Scherenrohlinge produzierte das stetig expandierende Unternehmen Hendrichs, das mit 33 Fallhämmern zu den größten Solinger Betrieben gehörte. Die 1896 auf dem Fabrikgelände errichtete Unternehmervilla ist Ausdruck des Wohlstandes, zu dem es die Familie Hendrichs durch die florierende Fabrik gebracht hatte. Nach jahrzehntelanger Blütezeit führten schwere Konjunkturkrisen zur Stilllegung des Unternehmens im Jahre 1986. Im selben Atemzug übernahm der Landschaftsverband Rheinland das Industriedenkmal, die Herrichtung als Museum unter Berücksichtigung der denkmalpflegerischen Auflagen begann.
Die besondere Atmosphäre einer komplett überlieferten Fabrik begegnet dem Besucher in der ehemaligen Gesenkschmiede. Historische Werkstätten wie die Spalterei, Schmiede, Werkzeugmacherei, Schneiderei, Scherenhärterei und Scherenschleiferei sind im Vorführbetrieb in Aktion. Mitarbeiter demonstrieren dort heute an ihren angestammten Arbeitsplätzen, wie ein Scherenrohling entsteht.
Die Themen der Dauerausstellung umfassen neben dem anschaulichen Produktionsprozess einer Schere auch sozial‑ und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte wie den Arbeitsalltag, Frauenarbeit und die Entwicklung der Solinger Schneidwarenindustrie. Die Ausstellung in der ehemaligen Unternehmervilla vermittelt Einblicke in die bürgerliche Lebenswelt um 1900 in Ergänzung zur musealen Präsentation der Fabrik.
Schauplatzleitung: Dr. Jochem Putsch
1987 schenkte die Bergisch Gladbacher Zanders Feinpapiere AG und die J.W. Zanders KG dem Landschaftsverband Rheinland die Papiermühle Alte Dombach. Mit der 1614 gegründeten Papiermühle Alte Dombach wurde ein Standort in einem Zentrum der rheinischen Papierindustrie gewonnen und das größte deutsche Papiermuseum errichtet. Seit August 1999 steht es für Besucher offen.
Das Mühlengebäude beherbergte die Fabrikationsräume und die Unternehmerwohnungen. Zwei unabhängige Mühlenbetriebe produzierten zwischen 1725 und 1830 handgeschöpftes Büttenpapier in der Alten Dombach. Unweit davon entfernt baute der Unternehmer Gustav Josua Müller um 1810 die Papierfabrik Neue Dombach. In der Alten Dombach wurde nur noch der Faserbrei für die Weiterverarbeitung in der Neuen Dombach hergestellt. 1876 erwarb die Firma Zanders die mehrfach erweiterte Dombach. Um 1900 legte das Unternehmen die Produktion dort still.
Der historische Gebäudekomplex an der Strunde mit der dazugehörigen Neuen Dombach und dem Außengelände hat sich zu einem vielgestaltigen musealen Erlebnisraum entwickelt. Die Geschichte der Papierherstellung und ‑verwendung, aber auch die Lebens‑ und Arbeitsbedingungen der Arbeiter in einer Papiermühle entfalten sich in überraschender und eindrucksvoller Weise. Die Dauerausstellung dokumentiert das Spannungsfeld zwischen handwerklich‑vorindustrieller Papierherstellung, dem Handschöpfen und industrieller Massenproduktion. Verpackung und Werbung, Kommunikation und nicht zuletzt die ökologischen Auswirkungen der Papierherstellung sind wichtige Bestandteile im Museumskonzept. Darüber hinaus dürfen die Besucher ihre Geschicklichkeit beim Papierschöpfen erproben. Die 40 Meter lange Papiermaschine PM 4 von 1889 dokumentiert die industrielle Papierherstellung.
Schauplatzleitung: Dr. Sabine Schachtner
Den Schlussakkord im 15-jährigen Museumsaufbau bildete die Eröffnung der Tuchfabrik Müller in Euskirchen-Kuchenheim im September 2000. 1988 übernahm der Landschaftsverband Rheinland die vollständig erhaltene Fabrik, über die sich seit dem letzten Betriebsjahr 1961 Staub, Rost und Spinnweben gesenkt hatten. Sensibel saniert und behutsam restauriert zählt das Industriedenkmal heute zu den besterhaltenen und bestdokumentierten historischen Fabriken in Deutschland.
Die Tuchfabrik kennzeichnet beispielhaft Blüte und Niedergang der rheinischen Wolltuchindustrie. Mit Papier begann der Werdegang des Müller'schen Betriebes. Die 1801 von den Gebrüdern Fingerhut am Erftmühlenbach erbaute Papiermanufaktur wurde 40 Jahre später in eine Spinnerei und Walkerei umgewandelt. 1894 richtete der neue Firmenbesitzer Ludwig Müller hier eine florierende Volltuchfabrik ein, die Wolltuche, Loden und Uniformstoffe herstellte. Auch die Euskirchener Tuchfabrik fiel der schweren Konjunkturkrise der Textilindustrie zum Opfer. Der Betrieb musste 1961 schließen. Voller Hoffnung, den Produktionsbetrieb später wieder aufzunehmen, pflegte der letzte Inhaber, Kurt Müller, Fabrikgebäude und Maschineninventar.
Eine vollständig erhaltene Fabrik bietet sich den Besuchern: Dampfmaschine, Transmissionsanlage und viele beeindruckende Textilmaschinen konnten bewahrt werden und sind im Schaubetrieb in Funktion. Beim Museumsbesuch kann der komplette Weg von der Rohwolle bis zum Versand des fertigen Tuches an laufenden Maschinen erlebt werden. Darüber hinaus erzählt eine einführende Dauerausstellung im Museumsneubau und den historischen Wohnräumen der Unternehmerfamilie von der Wolle, ihren Farben, Mustern und der Kleidung, die einst aus Wolltuch gemacht wurde.
Schauplatzleitung: Detlef Stender
Die quasi "naturwüchsige" Partnerschaft zwischen LVR und LWL beinhaltet zum einen eine branchenspezifische Arbeitsteilung, zum anderen eine enge Zusammenarbeit im Hinblick auf Ausstellungsprojekte und Veranstaltungsprogramme. Gemeinsam stellen LVR und LWL auch wichtige Ankerpunkte bzw. Besucherzentren der Route der Industriekultur, eines touristischen Netzwerks im Ruhrgebiet.
Seit 1998 unterhält das LVR-Industriemuseum Partnerschaften mit anderen, inhaltlich und strukturell vergleichbaren Industriemuseen in Europa: dem Museu de la Ciència i de la Tècnica de Catalunya, Spanien und dem Ecomusée Le Creusot - Montceau Les Mines, Frankreich. Darüber hinaus bestehen zwischen einzelnen Standorten des LVR-Industriemuseums Arbeitsbeziehungen zu entsprechenden Fachmuseen im europäischen Ausland, beispielsweise zwischen dem Papiermuseum in Fabriano, Italien und der Papiermühle Alte Dombach in Bergisch Gladbach, dem Museum der Schneidwarenindustrie in Thiers, Frankreich und der Gesenkschmiede Hendrichs in Solingen.
Ebenfalls sind die sechs Standorte des LVR-Industriemuseum auch integrale Bestandteile regionaler Netzwerke zur Industriekultur. Die Tuchfabrik Müller in Euskirchen ist beispielsweise aktiv in den Zusammenschlüssen der Regio Aachen und der Euregio. Im Netzwerk Industriekultur Bergisches Land e.V. sind allein vier der LVR-Industriemuseen auf der Ebene der regionalen Kulturkooperationen mit anderen Trägern von industriehistorisch bedeutsamen Denkmälern und Institutionen verknüpft.
Auf europäischer Ebene wiederum finden sich alle LVR-Industriemuseum Standorte als Ankerpunkte zahlreicher Themenrouten der Europäischen Route der Industriekultur, European Route of Industrial Heritage, wieder.
Im Rahmen von Zustiftungen bzw. Fördermitteln hat der Landschaftsverband Rheinland selbst über das LVR-Industriemuseum weitere, bilaterale Beziehungen generiert - zum Zinkhütter Hof in Stolberg bei Aachen und nicht zuletzt zur Stiftung Zollverein in Essen, auf dem Gelände der berühmten Zeche aus den 1930er Jahren.
Das LVR-Industriemuseum kann für sich in Anspruch nehmen, das industrielle Erbe der Arbeitsgesellschaft im Rheinland beispielhaft zu präsentieren. Im Kontext von Industrie-, Sozial-, Wirtschaftsgeschichte und Politik stehen dabei die Erfahrungen und Erinnerungen der arbeitenden Menschen dieser Region im Mittelpunkt. Die Darstellung des industriellen Wandels im Rahmen der außergewöhnlichen Dauerausstellungen jedes einzelnen Standorts verdeutlicht historische Wurzeln und Hintergründe, verweist aber gleichzeitig auf die aktuellen gesellschaftlichen Prozesse und ihre globalen Zusammenhänge. Damit positioniert sich das LVR-Industriemuseum nicht nur in der Region Rheinland, sondern behauptet sich mit seiner industrie- und sozialhistorischen Kompetenz als wichtige Instanz und somit als Kooperationspartner für Netzwerke und Institutionen industriellen Kulturguts auf nationaler und europäischer Ebene.
Besucherservice: Informationen und Buchungen über kulturinfo rheinland, Tel.: 02234-9921-555
Träger: Landschaftsverband Rheinland (LVR)
Gründung: 10.5.1984
Leitungspersonal: Dr. Walter Hauser, Museumsdirektor
Claudia Gottfried, Leiterin Schauplatz Ratingen
Kornelia Panek, Leiterin Schauplatz Engelskirchen
Dr. Jochem Putsch, Leiter Schauplatz Solingen
Dr. Sabine Schachtner, Leiterin Schauplatz Bergisch Gladbach
Dr. Burkhard Zeppenfeld, Leiter Schauplatz Oberhausen (kommissarisch)
Detlef Stender, Leiter Schauplatz Euskirchen
Gesamtmitarbeiter: 85
Gesamtkosten: Bau und Einrichtung 77 Millionen Euro
Schauplatzeröffnungen ab 1996:
Mai 1996: Schauplatz Engelskirchen
September 1996: Schauplatz Ratingen
September 1996: Schauplatz Oberhausen, Eisenheim, Dauerausstellung "Historisches Waschhaus"
August 1997: Schauplatz Oberhausen, Zinkfabrik Altenberg, Dauerausstellung "Schwerindustrie"
August 1998: Schauplatz Oberhausen, Peter-Behrens-Bau, Museumsdepot
März 1999: Schauplatz Solingen
Mai 1999: Schauplatz Oberhausen, Eisenheim, Museumswohnung
August 1999: Schauplatz Bergisch Gladbach
Oktober 1999: Schauplatz Oberhausen, St. Antony-Hütte
Dezember 1999: Schauplatz Oberhausen, Museumsbahnsteig
September 2000: Schauplatz Euskirchen
Mai 2008: Schauplatz Oberhausen, St. Antony-Hütte, Dauerausstellung "Die Wiege der Ruhrindustrie"
Mai 2010: Schauplatz Ratingen, Herrenhaus Cromford
September 2010: Schauplatz Oberhausen, St. Antony-Hütte, LVR-Industriearchäologischer Park